Nummer 508

    Team

    Aktivste Mitglieder

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

      So, bin ich der Erste hier?
      Im Staffelberg war ich´s nicht :)

      Am 09.12.1965 landete ich auf der Beobachtungsstation des Erziehungsheimes Staffelberg in Biedenkopf und die ersten Stunden und Tage habe ich auch heute noch gut im Gedächtnis, wie meine Stammrollennummer beweist.
      Das lag natürlich daran, dass ich mich nicht sehr wohl fühlte in "Flatterklamotten" und mit "Futtkopp".
      Sorry, aber so wurde damals der Haarschnitt mit Haaransatz oberhalb der Ohren genannt.
      Die Flatterklamotten waren ebenso ehrenrührig für 15jährige in 65.
      Grobe Cordhosen mit Hochwasser, dafür waren die Beine extra breit geschnitten.

      Der Haarschnitt und die entstellenden Klamotten sollten uns daran hindern, die "Flatter" zu machen,
      auf Amtsdeutsch: zu entweichen, bürgerlich: abzuhauen.

      Denn Staffelberg war ein hypermodernes Vorzeigeerziehungsheim fast ohne Mauern und Gitter, dafür aber am Rand der Welt gelegen. In einer Zeit, in der die Leute noch mit offeneren Augen durch die Gegend rannten als heute, war es für Halbwüchsige in so einem Outfit nahezu unmöglich, auch nur die nächste Bundesstrasse zu erreichen.

      Ich hab dann 68/69 auch noch den Anfang vom Ende Staffelbergs (und imho aller Erziehungsheime im Westen) erlebt und ein wenig selbst daran teilgehabt.
      Wir hatten Besuch von Baader, Meinhof, Proll,... der damaligen Brandstifterkommune aus der Grafenstrasse in Frankfurt, die mehrmals mit ein oder zweihundert Freunden in einem langen Autokorso mit vielen roten Fahnen durch die Dexbacher Strasse bis ins Heim fuhren und auf der Wiese zwischen Werkstätten und Verwaltungsgebäude mit den "vom Kapital geknechteten" Zöglingen
      ein Sit in und ein "Tribunal" veranstalteten zudem sich die Heimleitung auch brav vorführen liess.
      Eigentlich schade, dass diese kuriose Zeit noch nicht von einem Film oder Tonkünstler aufgearbeitet wurde, wir hatten die Axt an die Wurzeln des "1000jährigen Muffs" gelegt. Nicht nur in den Städten auf den grossen Plätzen, auch im kleinen Biedenkopf spürte man den "Mantel der Geschichte"
      Diese Bundesrepublik gab es fünf Jahre später so nicht mehr, genauso wenig wie Erziehungsheime.

      30.06.1969:

      In Biedenkopf steht, laut SDS Frankfurt, als Erfolg der Aktion (vgl.
      28.6.1969) in der Landeserziehungsanstalt Staffelberg folgendes fest:"

      1. Der Karzer wird aufgelöst

      2. Vier Erzieher kündigen

      3. Die Haare dürfen wachsen

      4. Innerhalb des Heims bildet sich eine Basisgruppe

      Als die Frankfurter Genossen nach diesen Zusagen abfuhren, schlossen
      sich spontan 26 Heiminsassen an. Sie stimmten 'mit den Füßen' über die
      Heimverfassung ab - sie türmten einfach" (vgl. 5.7.1969)....
      aus mao-projekt.de/BRD/HES/DA/Frankfurt_Staffelbergaktion.shtml

      siehe auch: de.wikipedia.org/wiki/Heimkampagne

      Mein persönliches Fazit dazu: Ich hatte schon mit dem Aufkommen von antiautoritären Kinderläden den Eindruck: auch Gesellschaften neigen dazu "es manchmal zu übertreiben"

      Das Spiessertum, der Muff, das gegenseitige "Im Auge haben" (und mit Normen vergleichen), die Ängste der 50er 60er Jahre waren überfällig.

      Dass daraus eine Gesellschaft geworden ist, in der Fuenfjährige im Schlafanzug unbeachtet von Biedenkopf aus zu einer Weltreise aufbrechen könnten, bedaure ich lebhaft; von vielen anderen Dingen, die heute unbeachtet bleiben schweige ich hier lieber.

      cu ganneff
      Meine Zeit in Staffelberg war vom Sommer 1965 bis März 1967.
      Meine Nummer war 478.
      Ganeff,Dein Beitrag kann ich so nicht bestätigen.
      Sicher war Staffelberg ein Neubau,mit Schwimmbecken,Kegelbahn,Werkstätten.
      Das Schwimmbecken durfte in meiner Zeit einmal benutzt werden,es fand eine Besichtigung statt,
      da wollte man den Besuchern etwas bieten.
      Mit der Kegelbahn,die unter der Sporthalle war,ging es ähnlich.
      Das ganze war ein pontemkinisches Dorf.
      Viele Erzieher kamen vom Kalmenhof oder Wabern - und genau dieser Geist war bestimmend in Biedenkopf.
      Meine persönlichen Erfahrungen:
      Nach Aufenthalt in der Universtätsnervenklinik Frankfurt wurde ich ruhig gespritzt und mit einem Krankenwagen
      nach Biedenkopf verbracht.An meinem 14.Geburtstag,jüngere Jugendliche wurden nicht aufgenommen.
      Ich kam sofort in den Karzer,für über 6 Wochen,was damals ein Rekord war.
      Aufgrund der zwangsweise verabreichten Medikamente in Niederrad wurde mir meine Situation erst
      Tage später bewusst.
      Karzer: Eine Zelle wie sie in amerikanischen Filmen zu sehen ist.
      Panzerglasfenster,von aussen mit weißer Farbe bemalt,undurchsichtig.
      Aufgeteilt in ca. 2/3 Zelle und 1/3 Vorraum,abgetrennt mit Stahlgittern.
      Für die Notdurft stand ein Eimer bereit.
      Übrigens nachts in allen Zellen,was bei einer 4 Mann Zelle gestunken hat ohne Ende.
      Im Karzer durfte sich tagsüber nicht hingelegt werden,es stand ein Hocker ohne Lehne zur Verfügung.
      Zuwiderhandlung wurde bestraft mit Entzug der Decke nachts,bei widerholtem Fehlverhalten wurde geschlagen,
      Die Erzieher waren Bartel und Merkowitsch.
      Bartel war der Chef,er war es der geschlagen hat,mit Fäusten,Gürtel oder Hundeleine.
      Merkowitsch war Hilserzieher,ein Beutedeutscher aus dem WK,der uns bei jeder passenden
      Gelegenheit erklärt hat:Früher hätte es Euch nicht gegeben.
      Merkowitsch war sich nicht zu schade uns vom Essen zu stehlen,wir nannten ihn "Eierdieb".
      Bartel war begeisterter Jäger und ist oft im Jägeranzug samt Dackel erschienen.
      Er liebte es uns alte Lieder singen zu lassen die er auf dem Akkordeon begleitete.
      Stundenlang,es war ein Graus.
      Wir mussten arbeiten,Federkerne in Autositze montieren,es war Zwangsarbeit,wer sich weigerte wurde weggesperrt.
      Der "Lohn" für eine Vollzeitwoche 5DM.
      Dafür durften wir uns Zigarretten,Schokolade oder Seife/Shampoo kaufen.
      Die Zigarretten und Schokolade wurden mit Namen beschriftet und weggeschlossen.
      Nach Mittagessen,Arbeit,und Abendessen rief der Erzieher"Rauchpause" und uns wurde eine
      Zigarrette aus unserer Packung gegeben.Feuer hatte nur der Erzieher.

      ganeff dein Beitrag gibt nicht die Realität wieder wie ich sie erlebt habe.
      Was Baader/Meinhof betrifft,die Leute und deren Umfeld habe ich in Frankfurt kennen gelernt,
      während meines Aufenthaltes in der Kleemannstrasse.
      Dazu nur soviel:
      Ensslin und Meinhof war das Schicksal der Heimkinder ein echtes Anliegen,
      der Rest der Bande hat versucht die Jugendlichen zu indoktrinieren,was zumindest bei Klein geklappt hat.
      Für die waren wir nur Mittel zum Zweck