Was tun, wenn die Erinnerung fehlt?!

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      Was tun, wenn die Erinnerung fehlt?!

      Ich war von Geburt bis zur Einschulung und darüber hinaus in Kinderheimen und -Horten und auch im Schülerheim. Meinen größten Knacks habe ich aber vom ersten Heim (also von den berühmten drei Prägejahren). Man sagte mir nur, daß man sich nicht um die Kinder gekümmert habe und recht verwahrlost war. So konnte ich mit drei Jahren nicht sprechen, zeigte Formen von Hospitalismus etc. Jetzt hat ein renommierter Psychiater eine lange Liste gravierender seelischer Störungen festgestellt; und ich weiß, daß sie von den ersten drei Jahren herrühren; aber das Schlimme, ich kann mich ihnen nicht stellen und sie folglich verarbeiten. Bislang habe ich sie so erfolgreich verdrängt, daß ich mich an diese Zeit nicht erinnern kann. An spätere Vorfälle kann ich mich wenigstens erinnern (zumindest das "Vorher" und "Nachher", auch wenn ich das Dazwischen auch verdrängt habe). Was kann man überhaupt noch tun? Ich habe gelesen, daß laut einer Studie sehr junge Kinder (bis ca. 4 Jahre) vor allem von Übergriffen betroffen sind. Aber das ist die leiseste Gruppe (geradezu lautlos und unbemerkt von der Öffentlichkeit); ich nenne das, was tief in mir schlummert, den "Dämon" in mir; und ich habe Angst, daß dieser wenn ich den mal aufwecke, mich in den Abgrund reißt ...
      Hallo Philipp :)

      Es ist nicht unüblich, dass sich Menschen an ihre ersten 3 Lebensjahre nicht erinnern können. Das geht auch Nicht- Heimkindern so.

      Viele, die da meinen sich zu erinnern, haben irgendwann mal Episoden aus diesem Zeitraum erzählt bekommen, Fotoalben mit dazugehörigen Anekdoten …… das ist es dann, woran sie sich erinnern und an Hand derer sie etwas aus diesem Zeitraum über sich erfahren haben und dann wissen.
      Die meisten Kinder, die in Säuglingsheimen leben mussten, haben aus dieser Zeit aber keine Bilder. Daher beginnen deren Fotoalben, sofern überhaupt vorhanden, meistens mit Bildern aus dem 4 Lebensjahr aufwärts.

      Eigene Erinnerung aus dem Gedächtnis ist das aber nicht.
      Um dies zu erlangen, müsste man sich scheinbar einer Hypnose unterziehen. Auch da muss man sehen, dass man in Fachhände gelangt.
      Natürlich stellen sich auch die Fragen:
      • was will man da erfahren,
      • was denkt und hofft man zu erfahren und
      • wie will man am Ende die Erfahrung umsetzen, damit umgehen, das verkraften.

      Nun ist das natürlich ein Unterschied, ob sich im häuslichen Umfeld eine Mutter und Vater um 1 Kind, dazu ihr eigenes Kind kümmern oder ob sich Schwestern (teilweise nicht mal qualifiziert) um 20 fremde Kinder und mehr, zu denen sie keinen Bezug haben, kümmern müssen.
      Da ist für Zwischenmenschliches, mal knuddeln, mit ihnen sprechen, mal streicheln, spielen usw. wohl keine Zeit. Daher waren sie dann meistens sich selbst überlassen, was nicht selten zu Hospitalismus geführt hat.
      Das soll nicht als Entschuldigung dienen, aber ist so vielleicht besser nachvollziehbar.

      In den ersten drei Lebensjahren entwickelt das Kind eine Bindung zur Mutter, die dann Bezugsperson wird. Viele, die in den Säuglingsheimen lebten, haben daher keine Bindung zur Mutter, sondern zu jemand ihnen völlig Unbekannten und Fremden und auch die Bezugsperson ist dann selten die Mutter.

      Je nach dem wie das weitere Leben dann verläuft, können sich aber weitere Bezugspersonen herausbilden. Die sind einem dann bewusst. Es ist auch nicht gesagt, dass man als ehemaliges Säuglingsheimkind da für immer geschädigt sein muss. Das kommt auf Deinen weiteren Werdegang an und wie man sich danach um Dich kümmert, bemüht hat, Mängel in der Entwicklung mit Hilfe von Oma, Tante..... vielleicht sogar auch Mutter aufholen konnte.

      LG Ines
      8o Was nicht umstritten ist - ist nicht sonderlich interessant 8o

      Die Masse unerkannte Opfer ...

      Liebe Ines,


      vielen Dank für Deinen Beitrag; freut mich wirklich. War aufgrund frühkindlicher Verletzungen immer das perfekte Opfer, was auch später leidlich ausgenutzt wurde (Gewalt, Mißbrauch ...). Daher habe ich mich zurückgezogen und mehrere Spaltungen (Innen- von Außenwelt, Gefühls- von Verstandeswelt) hinter mir, unter denen ich heute mehr denn je leide. Aufgrund der Verletzungserfahrungen habe ich nie darüber gesprochen, und bei den seltenen Versuchen bin ich immer auf Unverständnis und Abwehrreaktion gestoßen. Daher habe ich es aufgegeben. Jetzt erst hat ein Psychiater eine Reihe kombinierter Persönlichkeitsstörungen festgestellt. Und seither versuche ich mich zu ergründen (soweit es geht). Auf verschiedenen Seiten habe ich erfahren, daß die Folgen tiefgreifender, nachhaltiger und schwerer reparabel sind, je weiter sie in die frühkindliche Entwicklung zurückreichen und je länger sie andauern. Meine Omi hat "danach" zu retten versucht, was ging [aber die Schäden lagen zu tief]. Trotz meiner mir immer wieder attestierten überdurchschnittlichen Intelligenz und sogar zweier Uni-Abschlüsse, hab ich nix auf die Reihe gebracht, weil ich mich bleibend fremd in dieser Welt fühlte und an Selbstzweifeln litt. Die frühkindlichen Folgen wie Hospitalismus, verspätete Sprachfähigkeit, ADHS etc. haben mich min Leben lang geprägt. Zudem - und das habe ich gelernt - gerade die Erfahrungen der ersten drei PRÄGE-Jahre (!!!) mit der neuronalen Verschaltung und dem Erlernen von Verhaltensweisen beschränken mich noch heute im Wesentlichen. Der Unterschied zu den sonstigen Opfern ist nicht nur, daß die Folgen noch bestimmender sind (meinen Mißbrauchsfall empfinde ich dagegen als "Kinderfasching", obwohl ich damals in Todesangst war) und, daß daran jegliche Erinnerung fehlt. Die Wurzelhaftigkeit des Erlebten (bzw. Erlittenen) machen m.E. eine Heilung extrem schwierig wenn nicht gar unmöglich. Und aufgrund der totalen Erinnerungs"lücke" kann unsereins den Horror gar nicht artikulieren. So werden wir als (sehr große Zahl der) Opfer weder erkannt und anerkannt. Das gilt für den gesellschaftlichen wie auch für den fachlichen (Psychiater, Psychologen, Pädagogen, Therapeuten) Diskurs. Und damit sind wir in jeglicher Hinsicht gänzlich allein gelassen (was die erfahrene Ohnmacht und Hilflosigkeit verstärkt). Ich habe selber immer wieder aufgrunddessen an mir selbst gezweifelt. Nach zweiwöchiger intensiver Suche bin ich endlich auf den Artikel von Carlo Burschel gestoßen (er spricht diesbezüglich von einer gesellschaftlicher Verdrängung).
      In den ersten drei Jahren hat man nur ein implizites Gedächtnis, also, Gefühle, aber keine Bilder, an die man sich erinnern kann.

      Du kannst aber Achtsamkeitsübungen machen, um dir dieser Gefühle bewußt zu werden und sie dann kognitiv umstrukturieren, das heißt, in Worte fassen, dir überlegen, was du heute aus erwachsener Sicht darüber denkst und was deiner Ansicht nach heutzutage sinnvoller wäre als Reaktion und so nachlernen.

      Wichtig ist weniger, was die Gefühle ausgelöst hat, als, wie sie sich anfühlen und in welchen Situationen sie auftreten und welche Reaktionen sie dann bei dir hervorrufen.

      Wenn du sie besser verstehst, kommen dann manchmal auch Erinnerungen dazu, aber es ist nicht sicher, ob diese tatsächlich die originalen sind oder eher später dem Gefühl zugeordnet wurden, als man es im anderen Zusammenhang nochmal gefühlt hat.

      Das Gehirn ist plastisch, es lernt, so lange man lebt...